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Krankheiten bei Amphibien
© by Dieter M. Humbel


Wichtiger Hinweis: Die hier zusammengetragenen Informationen dienen der Informationsbeschaffung und dürfen nicht dazu verleiten, zu Selbstdiagnosen und Selbstmedikationen zu greifen. Im Krankheitsfall ist auf jeden Fall ein amphibienkundiger Tierarzt beizuziehen.

Streichholzbeinchen, Bindehautentzündung, Red Leg Disease, Chytridiomykose


Streichholzbeinchen
Als Streichholzbeinchen-Syndrom wird eine Unterentwicklung der Vorderbeine bei  Dendrobatiden und Vertretern anderer Froschlurch-Gattungen bezeichnet. Den Kaulquappen wachsen ein- oder beidseitig nur unterentwickelte Vorderbeine, die i.d.R. einen Landgang verhindern. Bei Schwanzlurchen ist das Problem hingegen unbekannt.

Ursache
Die Ursache ist meines Wissens noch nicht geklärt. Es wird von genetischen Ursachen, Mangelernährung der Kaulquappen, sowie von Umweltbedingungen wie Wassertemperatur usw. ausgegangen. Eigene Beobachtungen bei Dendrobates auratus haben gezeigt, dass eine zu hohe Wassertemperatur während dem Quappenstadium offenbar eine wesentlich Rolle spielt. Bei Wassertemperaturen um 26°C waren bisher alle meine Jungtiere betroffen und schafften den Landgang nicht. Lag die Temperatur hingegen um 22 - 24°C trat das Phänomen bisher noch nie auf. Die Anzahl meiner bisherigen Kaulquappen ist aber zu gering, um dazu eine repräsentative Aussage machen zu können.

 

Symptome
Die Erkrankung führt zu einer Missbildung der Vorderbeine und einer Unterentwicklung der Muskulatur. Die betroffenen Jungfrösche schaffen entweder den Landgang nicht oder sie nehmen keine Nahrung auf und verhungern innerhalb kurzer Zeit. Meine betroffenen Frösche blieben einfach im Wasser, obschon sie mehrere Ausstiegshilfen zur Verfügung hatten. Letztendlich ertranken sie im lediglich etwa 1 cm tiefen Wasser.

Vorsorge
Es gibt keine gesicherten Vorsorgemassnahmen, solange die Ursache nicht restlos geklärt ist. Gemäss meinen Erfahrungen sollte z.B. bei Dendrobates auratus die Wassertemperatur im Quappenstadium nicht über etwa 24°C liegen. Auch eine Nachtabsenkung auf etwa 20°C hat den Tieren nicht geschadet. Wie es sich bei anderen Dendrobaten verhält, entzieht sich meiner Kenntnis.

 

Junger D. auratus mit Streichholzbeinchen
Junger D. auratus mit
 Streichholzbeinchen


Horn- und Bindehautentzündung
Horn- oder Bindehautentzüngung (Keratoconjunctivitis) kann zur Erblindung eines oder beider Augen führen. Sie ist im Anfangsstadium nur schwer zu erkennen und wenn sie erkannt wird, ist es vermutlich schon zu spät. In meinem Fall habe ich die Krankheit erst durch die starke Abmagerung des Frosches erkannt.

Ursache
Die Krankheit kann verschiedene Ursachen haben. Einerseits können Verletzungen im Augenbereich dazu führen, andererseits kann es sich auch einfach um eine Infektion handeln. Auch Parasiten können die Entzündung auslösen, was allerdings eher bei Wildfängen der Fall ist. Bei der lipiden Keratopatie ist die Ursache nicht bekannt, kann ihren Ursprung aber möglicherweise in zu fetter Ernährung haben.

 

Symptome
Erblindung eines oder beider Augen, was dazu führt, dass das Tier keine Nahrung mehr aufnehmen kann, da das Jagen verunmöglicht wird. Bei meinem erkrankten Tier konnte ich beobachten, dass der Frosch zwar jagte, das Futtertier aber nicht erwischte. Ich erkläre das so, dass er zwar auf einem Auge noch was sehen konnte, durch die eingeschränkte Sehfähigkeit des anderen Auges aber die Distanz nicht mehr einschätzen konnte und daher dauernd daneben griff. Dadurch magerte das Tier massiv ab. Mit der Zeit trübte sich das erkrankte Auge auch stark ein. Letztendlich führte das Ganze zum Tod des Tieres.

Behandlung
Das erkrankte Tier sollte schnellstens separiert werden und das Auge mit geeigneten Augentropfen behandelt werden. Nähere Angaben kann der amphibienkundige Tierarzt machen. Zusätzlich sollte versucht werden, das Tierchen zum Fressen zu bringen (z.B. ab Pinzette). Dies hat sich in meinem Fall aber als unmöglich erwiesen. Eine erfolgreiche Behandlung hängt vor allem von einem frühzeitigen Erkennen der Krankheit ab.

 

Bindehautentzündung bei D. auratus
Bindehautentzündung bei D. auratus
man beachte auch die starke
Abmagerung des Tieres.


Red Leg Disease, Aeromonas
Red-Leg-Disease ist eine Amphibienkrankheit, die hauptsächlich durch Aeromonas hydrophilia in Kombination mit Stress ausgelöst wird und hauptsächlich bei Anuren auftritt. Sie führt in der Regel letztendlich zum Tod des befallenen Tieres.

Ursache
Die Ursache ist normalerweise in Haltungsfehlern zu suchen. Zu hoher Besatz, schlechte Wasserqualität oder falsch gewählte Temperatur im Terrarium, können in Kombination mit Aeromonas hydrophilia oder anderen Erregern zur Auslösung der Krankheit führen.

Symptome
Körperseiten und Schenkelinnenseiten werden rötlich verfärbt (Red Leg !). Es handelt sich dabei um Blutungen und Ödeme in der Haut. Diese können auch in der Muskulatur und im Verdauungstrakt auftreten. Weitere Symptome sind Apathie, auffallend blasse Farben und Nahrungsverweigerung. Einzelne Tiere können auch Hautrisse bekommen oder aufgebläht wirken.

Vorsorge
Die Vorsorge liegt in erster Linie in der korrekten, artgerechten Haltung. Ferner ist natürlich auf eine gute Hygiene zu achten. Häufiger Wasserwechsel hilft, die Keimzahl in grenzen zu halten und vermindert dadurch das Infektionsrisiko. Dies sollte eh gegeben sein, da Erreger wie Aeromonas, Pseudomonas und andere auch zu anderen Krankheiten bei den Fröschen führen können. So kann Aeromonas hydrophilia zum Beispiel Massensterben bei Kaulquappen auslösen.

Behandlung
Kranke Tiere müssen umgehend aus dem Bestand entfernt werden und die anderen Individuen müssen sofort mit Antibiotika behandelt werden. Auf jeden Fall ist ein amphibienkundiger Tierarzt beizuziehen. Zudem sollten die Tiere nach Möglichkeit auf mehrere Quarantänebecken verteilt werden und das Wasser ist häufig zu wechseln, um die Keimzahl zu reduzieren. Ausserdem ist es zu empfehlen, die Tiere vorübergehend etwas kühler zu halten. Das Terrarium selber und alle Gerätschaften müssen gründlich gereinigt und desinfiziert werden.

 


Chytridiomykose
Diese Krankheit wird durch einen primitiven Pilz der Familie Chytridiomycota, Batrachochytrium dendrobatidis (LONGCORE et. al., 1999), ausgelöst und stellt fast weltweit eins der grössten Probleme, vor allem für freilebende Amphibien dar. Im Terrarium wurde die Krankheit vor allem bei Dendrobaten nachgewiesen, die aus Zentralamerika importiert wurden oder bei Nachzuchttieren, die zu importierten Wildfängen Kontakt hatten. Chytridiomykose kann innerhalb kurzer Zeit einen ganzen Amphibienbestand dahinraffen. Die Infektionskrankheit betrifft sowohl Anuren (Froschlurche) wie auch Urodelen (Schwanzlurche). Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass vor allem Arten aus kühleren Lebensräumen wie z.B. Bergregenwäldern betroffen sind. Dort steigen durch die globale Erwärmung die Minimaltemperaturen zwar an, durch die daraus resultierende Wolkenbildung sinken die Maximaltemperaturen aber ab. Dieses Temperaturgefüge kommt dem Pilz sehr entgegen (POUNDS et. al., 2006). Man geht heute davon aus, dass z.B. bei 67% der in den letzten 17 Jahren ausgestorbenen, über 100 Harlekinkrötenarten Chytridiomykose schuld ist.

Ursache
Ursache für die Krankheit ist ein Tröpfchenpilz, der erst 1997 als Auslöser der Krankheit identifiziert werden konnte. Nach neusten Vermutungen stammt der Pilz ursprünglich aus dem südlichen Afrika und wurde durch den Menschen über Krallenfrösche (Xenopus laevis), die von 1930 bis 1960 für Schwangerschaftstests verwendet wurden, verschleppt (WELDON et. al., 2004). Nachgewiesen wurde er zuerst in Australien und Amerika. Dort bedroht er viele, eh schon unter Druck stehende Amphibienarten. Inzwischen ist er aber auch in Europa, vor allem auf der iberischen Halbinsel, aber auch in Deutschland und Italien, aufgetreten. Auch in der Schweiz ist der Pilz inzwischen weit verbreitet und wurde unter anderem in den Kantonen BL, BE, LU, SG, ZH mehrfach nachgewiesen. Es wurden auch schon vermehrt tote Amphibien gefunden, die mit dem Pilz infiziert waren. Massensterben wurden bis heute aber noch keine beobachtet.

Symptome
Batrachochytrium dendrobatidis dringt in die oberste Hautschicht postmetamorpher Amphibien ein und ernährt sich vom dort vorhandenen Keratin. Als Symptome werden Apathie, Nahrungsverweigerung, lange Aufenthalte im Wasser sowie Rötungen und Ablösungen der Haut, sowie plötzliche Todesfälle beschrieben. Erkrankte Tiere können sich nicht mehr umdrehen, wenn sie auf den Rücken gelegt werden (OEVERMANN, 2004). Kaulquappen und Larven sind von der Infektion nur am Maul betroffen, da nur dort das für den Pilz notwendige Keratin vorhanden ist. In der Haut fehlt ihnen diese Hornschicht.
Neuste Erkenntnisse gehen davon aus, dass ein grosser Teil der Dendrobaten in der Terraristik unbemerkt befallen sind, die Krankheit aber nicht zum Ausbruch kommt. Allerdings können Veränderungen in der Haltung oder andere gesundheitliche Probleme zur explosionsartigen Vermehrung des Pilzes und zum Ausbruch der Krankheit führen.
Häufige Auslöser eines Chytridiomykose-Ausbruchs sind:

  • Neuzugänge im Terrarium, insbesondere Wildfänge und Tiere aus zweifelhaften Quellen

  • Andere Infektionen (z.B. Nematoden, Aeromonas- oder Pseudomonas-Erreger)

  • Plötzliche Veränderung des Klimas (Trocken- / Regenzeit) oder des Terrariums (--> Stress)

Vorsorge
Es gelten die üblichen Hygienemassnahmen im Terrarium. Ausserdem sollten Neuzugänge immer eine Quarantänephase durchlaufen (sollte sowieso immer gemacht werden). Auf Wildfangtiere sollte grundsätzlich verzichtet werden. Allerdings ist das Auftreten des Pilzes nicht ausschliesslich auf schlechte Haltungsbedingungen zurückzuführen.
Um Stress bei den Tieren soweit möglich zu verhindern, ist eine möglichst artgerechte Haltung anzustreben. Dazu gehören nebst einem sinnvoll eingerichteten Terrarium auch das Terrariumklima, die Beleuchtung und eine ausgewogene Ernährung der Tiere. Des Weiteren ist anzuraten, mehrere Amphibienterrarien nicht durch ein gemeinsames Abwassersystem miteinander zu verbinden. Dieses würde es dem Pilz problemlos ermöglichen, von einem Terrarium ins nächste zu gelangen.

Behandlung
Es gibt nach wie vor keine garantiert erfolgsversprechenden Behandlungsmethoden. Da der Pilz bei tieferen Temperaturen (17 - 25°C) besser gedeiht als bei Temperaturen über 25°C, erscheint es als sinnvoll, erkrankte Tiere bei etwas erhöhter Temperatur zu halten. Das einzige erfolgsversprechende Medikament ist Itrakonazol, meistens kommt aber eine Behandlung zu spät, da es nach wie vor keine Möglichkeit gibt, Chytridiomykose am lebenden Tier einwandfrei zu diagnostizieren. Eine fachgerechte Quarantäne ist natürlich bei einem Befall absolut unerlässlich (Quaratäne-Anleitung).

Wichtig: Es ist aber auf jeden Fall auch darauf zu achten, dass keine toten Tiere und kein infiziertes Material aus dem Terrarium in die Umwelt gelangt und dort die einheimischen Amphibien bedrohen kann. Am besten wird Kontakt mit einem Tierarzt oder einer zuständigen Stelle aufgenommen.

Chytridiomykose im Freiland
Die Krankheit dürfte nebst der Zerstörung des Lebensraumes zu einem grossen Teil dafür mitverantwortlich sein, dass wir derzeit am Anfang der vermutlich grössten Aussterbewelle bei einer Wirbeltierklasse seit dem Untergang der Dinosaurier stehen. Rund ein Drittel der etwa 6000 bekannten Amphibienarten sind unmittelbar vom Aussterben bedroht, über 130 Arten sind in den letzten Jahren bereits unwiederbringlich verloren gegangen. Das Stoppen dieser Entwicklung wird wohl die bisher grösste Herausforderung im Artenschutz.
Das grösste Risiko, dass der Pilz verschleppt wird, geht wohl von Herpetologen und Amphibienfreunden aus, die innerhalb kurzer Zeit verschiedene Biotope aufsuchen. Es ist wichtig, dass sich diese Leute des Risikos bewusst sind und sich entsprechend verhalten. So ist die gründliche  Reinigung und Desinfektion des Equipments und der Schuhe beim Wechsel des besuchten Biotops absolut zwingend. Zur Desinfektion haben sich unverdünntes Javelwasser und 70%iger Alkohol bewährt. Beides sollte aber nicht in unmittelbarer Gewässernähe verwendet werden, da es sich um giftige Substanzen handelt. Auch Virkon hat sich als feldtauglich erwiesen. Bei grösseren Pausen zwischen den einzelnen Biotop-Besuchen kann man die Ausrüstung auch vollständig austrocknen lassen oder kurz auskochen (mind. 5 Min. bei > 60°C). Weitere Informationen zur aktuellen Chytridsituation in der Schweiz findet man bei KARCH.
 

 

 

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